Digitalisierung in Nachhilfeschulen

Orhan Yildirim, Inhaber der Nachhilfeschule „Kluge Wahl“, zeigt wie Digitalisierung in Nachhilfeschulen aussehen kann!

Jeder spricht von Digitalisierung, doch wie kannst Du dein Nachhilfeinstitut sinnvoll digitalisieren? Heute spreche ich mit dem jungen Unternehmensgründer Orhan über seine Erfahrungen. Orhan hat sich bereits Anfang zwanzig dazu entschieden, eine eigene Nachhilfeschule zu gründen. Nun ist er 26 Jahre alt und führt zwei erfolgreiche Institute in Bochum. Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind für ihn dabei wichtige Prinzipien. Mit Hilfe von Tablets, digitalen Tafeln, WLAN-Druckern und papierlosen Unternehmensprozessen setzt Orhan diese Prinzipien um. Vielleicht möchtest auch Du deine Nachhilfeschule stärker digitalisieren? In Folgendem Interview erfährst Du wie Orhan dieses Thema umsetzt:

Angelika: Hallo Orhan, was heißt digitale Bildung für dich und deine Nachhilfeschule?

Orhan:
Digitale Bildung bedeutet für mich digitale Medien im Unterricht als ergänzendes Mittel einzusetzen. Digitale Medien können eine große Lernerleichterung darstellen. Z. B. kann schnell auf benötigte Informationen oder Dokumente zurückgegriffen werden. Unsere Nachhilfeschulen sind deshalb mit Tablets ausgestattet. Die Tablets sind verbunden mit einem Premium Drop-Box-Ordner und einer digitalen Aufgabenbibliothek. Hier können alle Nachhilfelehrer*innen Dokumente für ihre Schüler*innen hochladen. Die Schüler*innen können im Unterricht auf die Dokumente zugreifen oder direkt ausdrucken. Dafür haben wir WLAN-Drucker eingerichtet, so können die Schüler*innen ganz einfach benötigte Dokumente per Tablet von jedem Raum aus ausdrucken.

Besonders in Fremdsprachenfächern können digitale Medien den Lernprozess beschleunigen. Ein fehlendes Wort nachzuschlagen geht digital sehr schnell. Andere Lernprozesse können durch digitale Medien jedoch auch verlangsamt werden. Deshalb gehört Blatt und Stift nach wie vor zum Lernen dazu, sodass man seine motorischen Fähigkeiten weiter verbessert und nicht zurückentwickelt, was durchaus passieren kann, wenn nur mit digitalen Medien gearbeitet wird.

Angelika: Was sind Beispiele für Lernprozesse, die durch digitale Medien verlangsam werden?  

Orhan: Bei Rechenaufgaben würde ich bspw. Blatt und Stift weiterhin als das optimale Lernmittel sehen. Auch kann der Einsatz von digitalen Medien bei jüngeren Schülern*innen ablenkend wirken. Hier sollte durch die Lehrenden konkret vorgegeben werden für welche Zwecke das Tablet zur Anwendung kommen soll, z. B. wenn man eine Mathe-App für die Visualisierung von Graphen und Koordinaten benutzen möchte.

Der VNN rät:

Um ein optimales Lernergebnis zu erreichen ist es wichtig, alle Lernkanäle zu benutzen: Hören, Sehen, Sprechen, Schreiben, Fühlen. Zusätzlich sollte man die individuellen Stärken und/oder Schwächen des Schülers beachten und die Übungen entsprechend anpassen. Um die Aufnahmefähigkeit und die Motivation der Schüler möglichst lange aufrecht zu erhalten sollten sich lehrer- und schülerzentrierte Phasen abwechseln. Auch ein Materialienwechsel ist wichtig, um die Stoffbearbeitung möglichst vielseitig zu gestalten. Nachhaltiges Lernen geht eben nur „mutimedial“ mit Stift, Papier, technischen Geräten, Bildschirm, Handeln und Sprechen!

Angelika: Gibt es noch weitere digitale Medien, die bei eurem Nachhilfeunterricht zur Anwendung kommen?

Orhan: Klar, digitale Tafeln gehören ebenfalls zu unserer Ausstattung. Der Einsatz von digitalen Tafeln eignet sich besonders für Gruppen bzw. Frontalunterricht. Besonders praktisch ist, dass die Schüler die Aufschriebe und Visualisierungen des Lehrenden in digitaler Form nach dem Unterricht erhalten. Das geht ganz einfach, indem die Schüler*innen einen QR-Code scannen und schon haben sie die Datei auf ihrem Smartphone. Diese Funktion ist in unserem Modell bereits im Gerät integriert. So können sich die Lernenden völlig auf das Zuhören und Verstehen während der Unterrichtsstunde fokussieren. Auch kann es auf einer digitalen Tafel nicht passieren, dass vorherige Aufgaben (wie auf einer analogen Tafel) weggewischt werden. Bei später aufkommenden Fragen ist der digitale Aufschrieb also immer parat.

Exkurs zur „digitalen Tafel“

Digitale Tafeln, auch interaktive Whiteboards genannt, gibt es in verschiedenen technischen Ausführungen. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten unterscheiden: interaktive Whiteboards und Touchdisplays. 

Interaktive Whiteboards

Whiteboard-Lösungen bestehen aus einem Whiteboard und einem Ultra-Kurzdistanz-Projektor. An das Whiteboard wird ein Computer angeschlossen. Der anzuzeigende Bildschirm wird auf die weiße Fläche des Whiteboards projiziert. Das Whiteboard fungiert als eine Art große Mausfläche, sodass mittels Finger oder Stift alle Funktionen des Computers genutzt werden können. Zusätzliche Programme, die auf dem Computer installiert werden müssen, ermöglichen das digitale Schreiben auf dem Whiteboard. Das Schreibgefühl ist hierbei sehr ähnlich wie an einer Tafel mit einem Stück Kreide. Bei den interaktiven Whiteboards hat sich die Infrarottechnologie als Touchsystem etabliert. Infrarotsensoren erkennen die Bewegung des Stiftes auf der Board-Oberfläche und übertragen diese.

Beispiel für ein interaktives Whiteboard der Marke „SMART“

Touchdisplays

Das verwendete Gerät der „Kluge Wahl“ Nachhilfeschule (siehe Foto oben) lässt sich dieser Art von digitaler Tafel zuordnen. Bei Touchdisplays handelt es sich vereinfacht gesagt um überdimensionale Tablets oder Smartphones. Die fortschreitende Technologie ermöglicht bereits Displaygrößen über 60 Zoll. Viele Touchdisplays am Markt sind mit einem Betriebssystem ausgestattet, wodurch eine Nutzung des Displays ganz ohne das Anschließen eines Computers möglich ist. Zudem haben die meisten gängigen Touchdisplays vorinstallierte Tools zur Gestaltung des Unterrichts. Das heißt, eine zusätzliche Installation von Programmen ist nicht notwendig.

 

Touchdisplays haben gegenüber interaktiven Whiteboards einige Vorteile:

    • Keine Kalibrierung notwendig im Gegensatz zu Projektor und Whiteboard, welche häufig kalibriert werden müssen.
    • Gestochen scharfe Bilder auch bei direktem Sonnenlicht durch 4K-Auflösung.
    • Keine Wartungen bzw. Lampenaustausch notwendig (geringere laufende Kosten).
    • Geringerer Stromverbrauch.
    • Touchgeschwindigkeit und Präzision sind höher als bei interaktiven Whiteboards.
    • Kein externer Computer bei Touchdisplays mit Betriebssystem notwendig (in der Regel Android-basiert).

 

Touchdisplays sind in der Anschaffung allerdings teurer als interaktive Whiteboards.  Wie viel teurer das Touchdisplay ist, entscheidet vor allem die Größe des Displays. Der Preis steigt mit jedem zusätzlichen Zoll.  Anders bei einem Projektor, welcher sich für unterschiedliche Bilddiagonalen eignet. Für einen großen Klassenraum oder Hörsaal, wird aktuell ein Touchdisplay preislich (noch) nicht in Frage kommen. Da Nachhilfeschulen kleinere Gruppengrößen und somit kleinere Räume haben, scheinen die Vorteile eines Touchdisplays gegenüber dem eines interaktiven Whiteboards deutlich zu überwiegen. Als grober Richtwert für die Anschaffung eines hochwertigen Touchdisplays für deine Nachhilfeschule ist mit einem Preis von um die 5.000 Euro zu rechnen.

Angelika: Ist der Umgang für die Lehrenden mit dem digitalen Whiteboard einfach?

Orhan: Definitiv! Die Bedienung ist super intuitiv und bedienerfreundlich. Eigentlich funktioniert unsere digitale Tafel ähnlich wie ein Smartphone. Unsere Nachhilfelehrer*innen benötigen meist nicht mehr als 10 Minuten, um mit der digitalen Tafel den Unterricht gestalten zu können.

Angelika: Der Einsatz digitaler Medien klingt ja wirklich praktisch. Gibt es auch Nachteile?

Orhan: Den einzigen Nachteil sehe ich in den Anschaffungskosten. Eine gute digitale Tafel kostet mehrere tausend Euro in der Anschaffung und auch die Kosten für Tablets und Co. summieren sich schnell.

Angelika: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind für dich wichtige Prinzipien. Kannst Du uns erklären, wie diese Punkte zusammenhängen? 

Orhan: Durch die Digitalisierung von Prozessen kann z. B. auf Papier und Plastikstifte verzichtet und so die Umwelt geschützt werden. Wir haben uns unternehmensintern zum Ziel gesetzt, alle unsere Geschäftsprozesse papierlos abzubilden. Neben Nachhaltigkeitsaspekten führt die Digitalisierung dazu, dass unsere operativen Prozesse effizienter sind. Dadurch haben unsere Bürokräfte bspw. mehr Zeit für unsere Kunden und die Beratung. 

Angelika: Hast Du Beispiele für digitalisierte Geschäftsprozesse, die früher mittels Zettelwirtschaft durchgeführt worden sind? 

Orhan: Ja, z. B. der Einstellungsprozess neuer Nachhilfelehrer*innen. Da wir eine recht große Nachhilfeschule sind, kommen immer wieder neue Nachhilfelehrer*innen dazu. Somit ist der Einstellungsprozess ein wiederkehrender Vorgang, welcher bei uns digitalisiert wurde. Das bedeutet, früher mussten die neuen Lehrkräfte händisch die Bewerbungsformulare ausfüllen. Heute läuft alles über unsere Homepage. Die Nachhilfelehrer*innen bewerben sich online über ein Job-Formular und schicken ihre Leistungsnachweise mit. Automatisiert werden die Nachweise in unser Business Cockpit hochgeladen. Das Business Cockpit ist unsere Verwaltungssoftware. Gleiches gilt für Kundenanmeldungen. Auch diese können via Homepage gestellt werden. Automatisiert über eine Schnittstelle zwischen Homepage und Verwaltungssoftware werden die Kundendaten in das Business Cockpit übertragen.

Ein weiteres gutes Beispiel ist der Abrechnungsprozess. Hier sparen wir durch die Software viel Zeit ein. Die Lehrkräfte reichen digital ihre Rechnung ein. Daraus werden automatisiert die Kundenrechnungen erstellt. So kann ich mit einem Klick die Forderungen meiner Nachhilfelehrer*innen begleichen und gleichzeitig die Kundenrechnungen versenden. 

Angelika: Welche Software nutzt Du für deine Nachhilfeschulen?

Orhan: Wir nutzen keine Software von der Stange, sondern eine individualisierte eigens für unsere Prozesse angepasste Lösung. Hier habe ich perspektivisch einiges investiert, um weniger Zeit mit dem Papierkram zu verschwenden. Dadurch haben wir nun mehr Zeit für unsere Schüler*innen.

In einem weiteren Beitrag möchte ich Programme am Markt analysieren, die zur Digitalisierung deiner Nachhilfeschule in Frage kommen. Übrigens kannst Du mir auch gerne eine E-Mail an angelika@tutorspace.de schreiben, falls Du Themenvorschläge für einen nächsten Beitrag einbringen möchtest!

Angelika: Was sind deine Empfehlungen für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen bzw. die Einführung einer Software? 

Orhan: Meine Empfehlung ist nicht zeitgleich 100 % aller Prozesse digitalisieren zu wollen. Vielmehr sollten die Prozesse Stück für Stück umgestellt werden. Ein Projektplan kann helfen den Überblick zu behalten. Außerdem plane ich immer eine Übergangszeit ein. Das heißt, 2 bis 3 Monate lasse ich den vorherigen (schriftlichen) Prozess weiterlaufen, obwohl der digitale Prozess schon umgesetzt ist. So können beide Prozesse miteinander abgeglichen werden. Dadurch ist man abgesichert, falls bei der Digitalisierung des Prozesses zu Beginn Schwierigkeiten auftreten. 

Angelika: Das klingt nach einem sinnvollen Vorgehen. Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

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